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Bewegt von der Erde

Animation "Tan'Am", 2021. Miguel Mwamba.

DEKOLONIALISIERTE ÖKOLOGIE

Wie können wir lernen, uns in das Bewusstsein der Erde wieder einzubetten, um ihre ökologischen, ästhetischen und spirituellen Werte wertzuschätzen?

Von Colectivo Xinatli
Veröffentlicht am 15. August, 2021

In der Wissenschaft herrscht Einigkeit darüber, dass die menschliche Spezies im Begriffe ist, die eigenen lebenserhaltenden Systeme rasant und rücksichtslos zu zerstören. Diese Entwicklung wird in diesem Jahrhundert mit aller Voraussicht nicht allein die menschliche Existenz bedrohen, sondern dazu führen, bis zur Hälfte aller Arten auszulöschen.

Ein Teil des Problems erwächst aus der Unkenntnis, wie alles Leben miteinander verbunden ist und diese Myriaden von Verbindungen zum Fortbestand jedes einzelnen Lebewesens beitragen. Die Frage ist, wie ein mitfühlender Bezug zur Welt hergestellt werden kann, der dem Ubuntu-Prinzip, dass jedes Lebewesen existiert, weil alles andere existiert, Folge leistet.

Bislang wurde die Herausforderungen, die mit der Erderwärmung einhergehen, vorwiegend in der Sprache und Weltanschauung der westlichen Metaphysik beschrieben. Ihr liegt allerdings die Trennung zwischen Natur und Kultur, Geist und Körper, das Menschliche und das Nicht-Menschliche zugrunde. Diese Kategorien schneiden tief durch unsere Existenzen, wie es der deutsche Philosoph Andreas Weber in seinem Buch "Indigenialität" formuliert, und führen dazu, dass sich viele Menschen nicht als Teil von der Welt empfinden, sondern die Wirklichkeit als etwas Äußerliches begreifen. Doch wieviel Sinn macht es zwischen Kultur und Natur zu trennen, wenn wir selbst Natur sind?  

„Es ist nur möglich, sich die Natur vorzustellen, wenn man sich außerhalb von ihr befindet“, erklärt der brasilianische Schriftsteller Ailton Krenak in diesem Zusammenhang. „Wie könnte sich ein Kind, das sich im Leib seiner Mutter befindet, die Mutter vorstellen?"

Eine neue, politische Ökologie würde sich aus diesem Grunde mehr am Leben ausrichten, nicht an seiner Entfremdung, seiner Abstraktion. Eine politische Ökologie würde daran arbeiten, solche Gegensatzpaare wie Natur und Kultur zu überwinden und damit auch die Hierarchien, die zwischen den Dualismen kulturell aufgespannt werden, und stattdessen den Weg zu einer erdzentrierten Weltsicht weisen, die alle Lebewesen und Lebensformen als gleichrangig ins Bewusstsein der Erde einbettet.

Alle Lebewesen vereinigt die Würde der Existenz. Ihr Wert richtet sich nicht danach, welche Produkte und Zwecke sie für andere Menschen bereithalten. In dieser Zusammenstellung wird die Arbeit von Personen vorgestellt, die solch eine Poetik des Lebendigen in einer Welt der unendlichen Verflechtung vorantreiben.

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Abbildung 1: Auf dem Weg zu einer erdzentrierten Weltanschauung

Wie kann man von einer egozentrischen Weltanschauung zu einer erdzentrierten Weltanschauung übergehen? In einer eher erdzentrierten Weltanschauung könnten wir anfangen, ein Gefühl von Ehrfurcht, Staunen, Aufregung und Demut zu entwickeln, wenn wir unter dem Sternenhimmel sind, in einem Wald sitzen, einen Berg erleben oder die Majestät und Kraft des Meeres genießen. Wir können eine Handvoll Erde nehmen und versuchen, das mikroskopische Leben zu erkennen, das uns selbst am Leben erhält. Wir können einen Baum, eine Pflanze, einen Pilz beobachten oder dem Klang eines Vogels lauschen und versuchen zu erkennen, dass es zwischen jedem Wesen eine innere Verbindung gibt.

Auf Denkfühlung mit der Erde

Arturo Escobar, Anthropologe, Kolumbien

Arturo Escobar denkt an die Erde vom Herzen aus. Der Professor für Anthropologie an der Universität von North Carolina kritisiert nicht nur das westliche Verständnis von Entwicklungspolitik, das eine Kolonialität der Macht weiter festschreiben würde, zur Ausbeutung von Landstrichen und somit zur Vertreibung der ortsgebundener Gemeinschaften führe.

In seinem Essay "Sentipensar con la Tierra" beschreibt Arturo Escobar das Konzept einer relationalen Ontologie (eine Art Vorstellung von Existenz, die sich aus der Ortsgebundenheit entwickelt). Als Antwort auf monolithische Interpretationen der Welt, schlägt der Essay einen Übergang zu einem konzeptionellen Pluriversum vor, ähnlich der zapatistischen Vorstellungswelt: Eine Welt, die viele Welten beherbergt.

Auszug: "Da wir unter einem mechanischen Paradigma nicht intim mit der Erde sein können, brauchen wir dringend eine Neue Geschichte, die es uns erlaubt, das Heilige mit dem Universum, dem Menschlichen und dem Nicht-Menschlichen wieder zu verbinden. Weisheitstraditionen, einschließlich derjenigen indigener Völker, dienen als ein Teil des Weges zu diesem Ziel der Wiedervereinigung mit der Erde. In diesen Traditionen sind die Menschen Teil der Erde und ihres Bewusstseins, nicht individuelle Existenzen in einer leblosen Welt. Jedes Lebewesen existiert, weil andere existieren.“

In „Designs for the Pluriverse“ stellt Arturo Escobar eine neue Vision von Designtheorie und -praxis vor, die auf eine neue Erdgerechtigkeit ausgerichtet ist.

Eine Orchidee aus Moxviquil, einem Schutzgebiet im mexikanischen Bundesstaat Chiapas für über 25.000 Orchideen.

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Aus der Foto-Serie "Look up" von Mitchell Lou.

Sich mit dem Wald verbünden

Eduardo Kohn, Anthropologe, Kanada

Eduardo Kohn hat Jahre lang mit dem Amazonasvolk der Runa in Ecuador zusammengelebt. In seinem Buch „How Forests Think: Towards an Anthropology Beyond the Human" erforscht Kohn die möglichen Bindungen, die wir mit allen Arten der belebten Welt haben können, die jenseits der anthropozentrischen Sichtweise liegen. Ein Buch, das uns nach Meinung des französischen Philosophen Bruno Latour zu einer "Diplomatie der Multispezies" führen kann und dazu anregt, „neu darüber nachzudenken, was es bedeutet, ein Mensch zu sein".

How Forests Think. Interview with Philippe Chiamberetta: "Ich würde sagen, dass der Wald von Selbsten bewohnt wird, aber dass einige dieser Selbste auf einer höheren Ebene als dem Individuum angesiedelt sind und dass diese Selbste höherer Ordnung emergente Eigenschaften haben können. Aber ist der ganze Wald ein Selbst? Wo beginnt und wo endet ein Wald? Vielleicht könnte man sagen, dass ein Wald das größte emergente Selbst ist, das man in einem 'Wald' finden kann.” 

Toward a new way of making allies with Forest. Interview with Hirosho Kondo: "Ein Wald besteht nicht nur aus Bäumen. Es existiert so etwas, wie eine emergente Eigenschaft [...] Anstatt jetzt darüber zu sprechen, was ein Wald ist, frage ich, wie ein Wald uns leiten kann."

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Wie zwei mexikanische Künstler den Regenwald schützten

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Raga García Arteaga und Leonardo da Jandra an der Küste von Oaxaca im Jahr 1979

1979 zogen die Künstlerin Raga García Arteaga und der Schriftsteller Leonardo da Jandra an die Küste des mexikanischen Bundesstaates Oaxaca, um über 30 Jahre in einem tropischen Regenwald zu leben. Sie jagten und fischten, bis der Direktor des Nationalen Tourismusfonds (FONATUR) dazu aufforderte, das Gebiet zu verlassen. Der Regenwald sollte privatisiert und für den Tourismus erschlossen werden.

Am 16. Dezember 1997 wurde Leonardo da Jandra aufgrund seines Widerstands gegen das Privatisierungsprojekt von Justizbeamten verhaftet, konnte aber wieder in den Dschungel fliehen. Kurz darauf erhielt er den IMPAC-Nationalpreis für Literatur. Das internationale Prestige verhalf ihm dazu, sich gegen die Privatisierung des Regenwaldes stark zu machen. 1998 wurde Regenwald schließlich zum Huatulco-Nationalpark erklärt – und mehr als 11.000 Hektar Land geschützt.


La restauración de la utopía. Raga García Arteaga, Leonardo da Jandra.
Huatulco, noviembre de 1997. Blog des mexikanischen Schriftstellers Fernando Fernández. 

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Abbildung 2: Auf dem Weg zu einem erdzentrierten Weltbild

Was der Klimakollaps von uns verlangt

Bayo Akomolafe, Philosoph, Nigeria

Bayo Akomolafe ist Philosoph und Professor für Psychologie an der Covenant University, Nigeria. In seinen Arbeiten versucht Akomolafe das Verhältnis von Mensch und Natur zu überdenken und setzt sich dafür ein, den Zustand der Zentralität zu überwinden, einem Status Quo, der insbesondere weiße Menschen in den Mittelpunkt aller Betrachtungen stellt.

Bayo Akomolafe wuchs in den Achtziger Jahren in Lagos auf. Zu einer Zeit, in der Lehrkräfte die Schülerinnen und Schüler noch schlugen, als sie sich in ihrer eigenen Sprache Yoruba miteinander unterhielten. Nach dem Ende der britischen Kolonialherrschaft, strukturierten koloniale Denk- und Handlungsmuster weiterhin die Realität. So blieben afrikanische Sprachen verpönt, es wurde Englisch gesprochen. Bayo Akomolafe kehrte zu seinem Yoruba-Erbe zurück, um über die Beschränkungen des kolonialen Denkens zu philosophieren, vor allem um das dysfunktionale Verhältnis der westlichen Vorstellung von Natur in Augenschein zu nehmen. In seinem Essay "Was der Klimakollaps von uns verlangt" kritisiert er die westliche Kollapsologie im Rahmen des Klimadiskurses und weist den Weg zu einer alternativen, planetaren Ethik.

Auszug: “In einer Welt, die verstrickt ist und sich verstrickt, scheint mir die Strenge eines absoluten Endpunkts und einer Beendigung des Seins eine Wiedereinführung jener alten Binarität zu sein, die der materiellen Welt verbot, ein Ort der Vitalität zu werden.”

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Bayo Akomolafe. What climate collapse asks of us. 2020
Bayo Akomolafe. Coming down to earth. 2020

Eine neue Stimme des Widerstands

Guadalupe Vazquéz Luna, Activistin, Mexiko

Lupita: die Aktivistin, die eine neue Generation von mexikanischen Frauen anführt.

The Guardian. 2021

Regie: Monica Wise Robles

Guadalupe Vazquéz Luna ist eine Tzotzil-Maya und Anführerin einer mexikanischen Bewegung. Zwanzig Jahre nach dem Verlust ihrer Familie bei dem Massaker von Acteal im Süden von Mexiko ist sie zur Stimme einer neuen Generation von Maya-Aktivist:innen erwachsen, die sich gegen Militär und  Politik stellten.

Der Film “Lupita” von Monica Wise Robles, einer kolumbianisch-amerikanischen Dokumentarfilmerin, folgt Guadalupe Vazquéz Lunas persönlicher Biografie und verwebt sie mit der schmerzhaften Geschichte von über 500 Jahren indigenen Widerstands.

Der Film zeigt, dass die Ausbeutung der Natur und die Unterdrückung der Frauen eng miteinander verbunden sind und somit Umweltaktivismus, Streben nach Gerechtigkeit und Feminismus den gleichen Kampf führen.


Für eine dekoloniale Ökologie

Malcolm Ferdinand, Philosopher, Martinique

Malcolm Ferdinand ist auf der Karibikinsel Martinique geboren und aufgewachsen, einem Departement der Französischen Republik, das mehr als 6.800 Kilometer von der Hauptstadt Paris entfernt liegt und jahrhundertelang kolonialer Gewalt, Sklaverei und politischer Unterdrückung ausgesetzt war. Ferdinand hat einen Abschluss als Umweltingenieur vom University College London und einen Doktortitel in politischer Philosophie von der Universität Paris-Diderot.

In seiner brillanten Analyse "Decolonial Ecology: Thinking of Ecology from the Caribbean World" stellt Ferdinand fest, dass westliches Umweltdenken nur unter Ausblendung der kolonialen Vergangenheit, patriarchaler und ausbeuterischer Strukturen Universalität und somit weltweite Gültigkeit beansprucht. Um wirksame Lösungen auf drängende Klimaprobleme zu finden, wäre es seiner Ansicht nach notwendig, ökologische Vorstellungen selbst zu dekolonialisieren. Oder um den brasilianischen Umweltaktivisten Chico Mendes zu paraphrasieren: Ökologisches Handeln ohne dekoloniales Denken bleibt am Ende nur Gartenarbeit.

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(EN) Malcom Ferdinand. A Decolonial Ecology: Voices from the Hold of Modernity. 2020. (Youtube)
(FR) Malcom Ferdinand. Penser une écologie décoloniale, une écologie-du-monde. 2020. (Youtube)

In dieser Folge von Génération Afrotopia schlägt Malcolm Ferdinand eine Konzeption der Ökologie vor, die radikal mit ihrer vorherrschenden westelichen Vorstellung bricht. (auf französisch)

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Die Weltanschauung der Aborigines

Mary Graham, Philosophin, Australien

Mary Graham widmet sich der Erforschung der Grundprinzipien von der Weltanschauung der Aborigines. Sie wurde väterlicherseits als Kombumerri (Gold Coast) und mütterlicherseits als Wakka Wakka (South Burnett) geboren und lehrt an der Universität Queensland Geschichte, Politik und vergleichende Philosophie der Aborigines.

In einem Essay aus dem Jahr 2008 skizziert Graham Strategien zur Erlangung einer kollektiven spirituellen Identität und stellt Überlegungen zu dem Konzept an, dass die Welt unmittelbar und nicht äußerlich ist.

Auszug: "Das Land ist eine heilige Einheit, kein Eigentum oder Grundbesitz; es ist die große Mutter der Menschheit. Das Träumen ist eine Kombination aus Bedeutung (über das Leben und die gesamte Realität) und einer Anleitung zum Leben. Die beiden wichtigsten Arten von Beziehungen im Leben sind erstens die zwischen Land und Menschen und zweitens die zwischen den Menschen selbst, wobei die zweite immer von der ersten abhängt."








Austernpilze. 2021. Foto: Rachel Hornton

Wie man Pilze lieben lernt

Anna Lowenhaupt Tsing, Anthropologin, USA

Das erste Leben, das sich nach der nuklearen Katastrophe in Hiroshima, regte war in Pilz. Ein Matsutake, der auf den verseuchten Trümmern der Stadt wuchs – und gleichzeitig zu den wertvollsten Speisepilzen in Asien zählt. In ihrem originellen Essay "Der Pilz am Ende der Welt" geht die Anthropologin Anna Lowenhaupt-Tsing den Spuren dieses Pilzes sowie seiner biologischen und kulturellen Verbreitung nach und begibt sich damit auch auf die Suche nach den Möglichkeiten von Leben in einer vom Menschen zerstörten Umwelt.

In all ihren Studien über Pilze weitet sie den Blick über Anthropozentrische hinaus und erforscht welche Auswirkungen nichtmenschliches Handeln in Wissenschaft und Politik hat. Von Pilzen lernen heißt dabei, die Welt als Beziehungsgeflecht zu sehen.

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"Wenn du das nächste Mal durch einen Wald gehst, schau nach unten. Unter deinen Füßen liegt eine Stadt. Wenn du in die Erde hinabsteigen würdest, wärst du von der Architektur aus Netzen und Fäden umgeben."

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Anna Tsing, Anthropologin

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A threat to holocene resurgence is a threat to livability (pdf). “"Wiederbelebung ist das Werk vieler Organismen, die sich über Unterschiede hinweg austauschen, um inmitten von Einflüssen artenreiche Lebensgemeinschaften zu bilden."

The Politics of the Rhizosphere. Interview Harvard Design Magazine: "Wenn man das sehen will, was ich eine Stadt nenne, eine dynamische Szenario, in der alle Arten von Organismen zusammenarbeiten, kann man nicht über der Erde bleiben."

Mit Pilzzucht Leben verändern

Chido Govera, Unternehmerin und Aktivistin, Simbabwe

Chido Govera wurde bereits im Alter von sieben Jahren zur Ernährerin ihrer Familie erklärt. Mit 10 Jahren war sie dazu bestimmt, einen 30 Jahre älteren Mann zu heiraten. Durch eine zufällige Begegnung an der Universität entdeckte sie die Wissenschaft der Pilzzucht für sich und lenkte damit ihr Leben in eine ganz andere Richtung. Heute ist sie eine weltweit lehrende Aktivistin, die Menschen dabei hilft, ihr Leben durch den Anbau von Pilzen zu verändern.








Marasmius subsect. Haematocephali​. Foto: Steve Axford, Fungimap, CC-BY-SA

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xinatli – museo de investigación artística

xinatli ist eine künstlerische Initiative, die sich rund um den bau eines museums für mehr ökosoziale gerechtigkeit einsetzt.

allgemeine informationen
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sabina.davila@xinatli.org

künstlerische idee
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